Die Bulgaren in ihren historischen, ethnographischen und politischen Grenzen. Atlas mit 40 Landkarten.

Vorwort von D. RIZOFF

 

Vorwort

 

Langsam und zaghaft nähert sich der Weltkrieg seinem Ende. Lloyd George hatte recht zu sagen, nächst der Sintflut sei dieser Krieg die größte menschliche Katastrophe. Dennoch besteht kaum ein Zweifel, daß er, wenn es ihm gelingt, den Kriegen ein Ende zu bereiten oder zum mindesten allen Völkern einen schwer zu brechenden Frieden von langer Dauer zu sichern, auch zur höchsten Wohltat, die die Menschheit kennt, werden kann. Allein dies nur unter der Voraussetzung, daß der Krieg ein Ende nimmt, ehe er die Lebenskraft der Kombattanten aufgezehrt, ihr Nationalvermögen erschöpft und ihre wirtschaftliche Entwicklung auf lange Jahre hinaus geschädigt hat. Vergeblich drohen einige Staatsmänner mit einem neuen nahen — politischen oder wirtschaftlichen — Krieg nach dem Schlüsse dieses unseligen Krieges. Kämpfer und Neutrale, alle sind kriegsmüde, alle ersehnen so sehr sein Ende, alle sind so gierig, wieder die Wonnen des Friedens zu genießen, daß die Annahme unzulässig ist, es würde irgend ein Volk so bald aufs neue sich zu einem Kriege welcher Art immer, verleiten lassen. Der Krieg, der jetzt wütet, wird in dem Leben der kämpfenden Völker so fürchterliche Wunden hinterlassen, daß es unmöglich sein wird, sie in kurzer Frist gründlich zu heilen, sofern man ihnen nicht schon in den ersten Jahren alle Bemühungen widmet.

 

Die ungeheure Wiederherstellungsarbeit, die der kämpfenden Völker harrt, wird und muß, schon als unvermeidliche seelische Reaktion, der verderblichen und zerstörenden Tätigkeit gegenüber die Oberhand gewinnen. Man darf auch nicht übersehen, daß dieser Krieg eine umfassende Reifeprüfung für alle kämpfenden Völker bedeutet, die dabei ihre Vorzüge und ihre Fehler, ihre Tugenden und ihre Laster, ihre wahren Rechte und ihre Illusionen erblickt und erkannt haben, und die Leidenschaftlichkeit, unter deien Einfluß sie nach dem Krieg ihre Fehler und Laster bessern, ihre Vorzüge und Tugenden weiterbilden, sich von ihren Illusionen befreien und ihre Rechte festigen werden, wird eine ganz natürliche Erscheinung sein. Man darf nicht desto-weniger als eines der wichtigsten Ergebnisse dieses Krieges — um mit Nietzsche zu sprechen — „eine Umwertung aller Werte” erwarten, darunter auch der ethischen Werte, so daß es dem jetzt tollen Menschenhaß schwerfallen wird, seine Orgien fortzusetzen. Mir scheint sogar, daß die unchristüchen Gefühle der Bosheit, des Hasses und der Rache, die heute triumphieren, bald nach dem Kriege verschwinden werden. Die gemeinsamen Leiden der kämpfenden Völker in diesem Krieg, die Schuldlosigkeit der Völker selbst an seinem Ausbruch, das Unheil, das sie einander zugefügt haben, die edle

 

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Scham darüber, so wilde Instinkte gezeigt zu haben, schließlich die allgemeine Freude darüber, daß der so lang ersehnte Frieden gekommen ist — das wird die Völker unfehlbar einander näher bringen und sie veranlassen, das Geschehene zu bereuen. Und hierzu kommt, wichtiger als alles, das Bewußtsein, das kostbare Erbe ihrer Vorfahren zerstört und das majestätische Europa verwüstet zu haben, das das größte Laboratorium der Kultur, der Zivilisation und des allgemeinen Fortschrittes ist — ein Bekenntnis, das notwendigerweise zur völligen Versöhnung der kämpfenden Völker beitragen wird. Um jedoch dieses Ergebnis in vollem Umfange zu erreichen, ist es unerläßlich, daß ein gerechter, bis zu der äußersten Grenze menschlicher Billigkeit gehender Friede geschlossen werde, der keinem Volk eigenmächtige Vorrechte anderen Völkern gegenüber gewährt, ein Friede, der, wenn er auch nicht alle Welt zufriedenstellt, so doch für keinen unerträglich und schimpflich ist.

 

Auf welchen Grundlagen kann und soll ein solcher Friede aufgebaut werden?

 

Die Beantwortung dieser ebenso verwickelten wie heiklen Frage würde mich von meiner bescheidenen Aufgabe zu weit abbringen; dies müßten übrigens Kundigere als ich tun. Als Sohn Mazedoniens, des Landes, das die unfreiwillige Ursache der beiden Balkankriege der Jahre 1912 und 1913 und vielleicht indirekt auch des gegenwärtigen großen Krieges ist, werde ich mich darauf beschränken, bloß die Grundlagen zu zeigen, auf denen man einen solchen Frieden für die Balkanhalbinsel errichten kann und soll. Um aber in die Frage des Friedens, der der Balkanhalbinsel in Zukunft Ruhe zu verschaffen vermag, Klarheit zu bringen, ist es notwendig, an die Ursachen zu erinnern, die diesen Frieden bisher gestört haben, und an die bisher gemachten Versuche, ihn zu sichern. »

 

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Seit langen Jahren ist die Balkanhalbinsel die hauptsächliche Ursache der Zwietracht unter den europäischen Großmächten. Alle Kriege, die Rußland seit dem 18, Jahrhundert mit der Türkei führte, hatten die Balkanhalbinsel zum Schauplatz und Ziel. Die Verbitterung zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland, rührt vornehmlich von den schwer zu versöhnenden Balkaninteressen dieser beiden Staaten her. Sogar der alte Antagonismus zwischen England und Rußland, der durch den jetzigen Krieg vorläufig aufgehoben ist, war durch Rußlands Streben, Konstantinopel und die Dardanellen zu erobern, indem es die Balkanhalbinsel de facto unter seine Schutzherrschaft nahm, geschaffen und genährt. Nachdem die gegenwärtigen Balkanstaaten zu einem eigenen politischen Leben gelangt waren, wurde der Balkan für diese Länder ein neuer Schauplatz der Zwietracht. Dies war ganz besonders der Fall, als Bulgarien (im Jahre 1878) befreit wurde und man von ihm zufolge einer unglückseligen Entscheidung des Berliner Kongresses ganze Provinzen absonderte, um sie an die Kachbarn zu verteilen: Mazedonien an die Türkei, das Gebiet Nisch an Serbien und die Dobrudscha an Rumänien. Dieser große Fehler der europäischen Diplomaten verschärfte die Zwistigkeiten unter den

 

 

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Balkanstaaten bis zur Unversöhnlichkeit. Indem man die Dobrudscha Rumänien zuteilte, führte man es auf der Balkanhalbinsel ein, zu der |es niemals gehört hatte, und da Rumänien die Dobrudscha als Ersatz für das ihm genommene Beßarabien bekam, unterlag es der Versuchung, neue Eroberungen im Balkangebiet anzustreben. Fast dasselbe geschah mit Serbien. Es erhielt die bulgarische Provinz Nisch als militärische Belohnung für seine Beteiligung am russisch-türkischen Krieg von 1877/78 und das stachelte die Gier Serbiens an, sich auch im bulgarischen Mazedonien auszubreiten. Und Griechenland lebte ja seit langem bloß seiner „großen Idee”, das alte Byzantinerreich aufzurichten und sich in Konstantinopel festzusetzen. Selbstverständlich ließen sich die auf dem Balkan rivalisierenden Großmächte, namentlich Rußland und Oesterreich-Ungarn, die Gelegenheit nicht entgehen, aus all diesen Bestrebungen der Balkanstaaten Nutzen zu ziehen und die Zwistigkeiten unter ihnen zu steigern. Unmittelbar nach diesem Kriege gaben sie ihren Bemühungen zwei Richtungen: einerseits konzentrierten sie die Gebietsansprüche Serbiens und Griechenlands auf Mazedonien und Rumäniens auf das Dreieck Silistra - Rustschuk - Varna; andererseits drängten sie die Türken nicht, in ihren europäischen Provinzen die im Artikel 23 des Berliner Vertrages vorgesehenen Reformen durchzuführen, die den Rivalitäten und der Zwietracht auf dem Balkan ein Ende hätten bereiten können. Der englische Imperialismus und die französische „Revanche” ergriffen gleichfalls die Gelegenheit, aus der auch für sie günstigen Lage Vorteil zuziehen. Sogelang es den interessierten Großmächten, die Balkanhalbinsel zu einem Herd von Unruhen und Aufständen zu machen, der die Brutstätte künftiger Kriege war. Und seit Jahrzehnten lebte Europa in Angst vor dem Balkan und erwartete in jedem Frühling den Ausbruch eines neuen Aufstandes und eines darauf folgenden Krieges, der sich leicht über ganz Europa ausbreiten konnte — wie dies im Jahre 1914 auch eintrat. Es geschah sogar mehr: der Krieg verbreitete sich fast über die ganze Welt.

 

Die auf dem Berliner Kongreß vergewaltigten und beraubten Bulgaren erblickten rechtzeitig die Gefahr, die nicht bloß ihrer nationalen Einheit, sondern auch ihrer politischen Existenz drohte. Und sie beeilten sich, im September 1885 die Vereinigung der beiden getrennten Bulgarien — Süd- und Nordbulgarien — zu proklamieren, um ihre Grenzen besser gegen Rumänien und Serbien zu schützen und sich ernster mit dem Schicksal Mazedoniens zu befassen. Diese so natürliche Vereinigung, die selbst die Türkei, deren Interessen im Spiele waren, nicht aufbrachte, gefiel aber Serbien nicht und im Namen des „Gleichgewichts auf dem Balkan” versuchte es, sie zum Scheitern zu bringen, indem es Bulgarien während der Nacht des 1./13. November d. J. angriff. Zu seinem Unglück wurde es binnen 13 Tagen besiegt und gezwungen, um Frieden zu bitten. Dennoch berauschten sich die Bulgaren nicht an ihrem Sieg über Serbien. In ihrem beständigen Streben mit den anderen Völkern, namentlich mit den Nachbarn, in Frieden zu leben, schlössen sie mit Serbien einen Frieden

 

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„ohne Annexionen und ohne Kontributionen”. Und gleich nachher stellten sie den gerechtesten und praktischsten Grundsatz für das Einverständnis unter den beteiligten Balkanländern bezüglich Mazedoniens auf, nämlich: Autonomie Mazedoniens, gewährleistet und durchgeführt unter dem Schutz aller Großmächte. Serbien und Griechenland erklärten sich jedoch gegen die Autonomie. Sie taten dies, weil sie wußten, daß Mazedonien von einer bulgarischen Mehrheit bewohnt ist, die unter einer autonomen Regierung leicht ganz Mazedonien ein bulgarisches Gepräge geben könnte und nicht lange zögern würde, es mit dem Fürstentum Bulgarien zu vereinigen, wie dies mit Südbulgarien im Jahre 1885 geschehen war. Angesichts dieses Widerstandes der Serben und Griechen gegen ein autonomes Mazedonien beschlossen die mazedonischen Bulgaren, sich ihre Autonomie m it Waffengewalt zu erzwingen. Zu diesem Zweck riefen sie fast überall in Mazedonien Revolutionsausschüsse ins Leben und begannen den ungleichen Kampf gegen die Türkei mit Hilfe von revolutionären Banden. Bulgarien selbst sah die Unmöglichkeit ein, die Autonomie in Mazedonien ohne Krieg und ohne das Einverständnis der dabei interessierten Balkanstaaten, zum mindesten ohne das Einverständnis zwischen Bulgarien und Serbien — zu verwirklichen, und lenkte daher nach diesen beiden Richtungen hin seine Tätigkeit. Indem es das bulgarische Heer für einen etwaigen Krieg rüstete, machte es Serbien den Vorschlag einer Mazedonien betreffenden Verständigung. Der erste Schritt in dieser Hinsicht geschah im Jahre 1897, konnte jedoch keinen Erfolg haben, weil Serbien nichts von der Autonomie Mazedoniens hören wollte, vielmehr auf der Teilung zwischen Bulgarien und Serbien bestand. Selbstverständlich konnte keine bulgarische Regierung jener Zeit auf eine solche Salomonische Lösung der mazedonischen Frage eingehen und Bulgarien zog es vor, ganz Mazedonien bis zu günstigeren Zeiten in türkischen Händen zu belassen.

 

Dieser Mißerfolg zwang die mazedonischen Revolutionäre, ihre Vorbereitungen für eine Revolution zu beschleunigen, die dann im Sommer 1903 in der Region Bitolia (Monastir) ausbrach. Sie dauerte ungefähr einen Monat und wurde, was man erwarten konnte, mit Blut und Feuer unterdrückt: ungefähr 200 bulgarische Dörfer wurden vollständig oder teilweise eingeäschert, etwa 5000 Revolutionäre fielen in den Kämpfen und die Gefängnisse füllten sich mit den in den Revolutionsorten wohnenden Verdächtigen. Trotz alledem brachte die Revolution ein scheinbar sehr bedeutendes Ergebnis, das in Wirklichkeit aber sehr gering war. Die Großmächte sahen sich genötigt, der Türkei die Vornahme einer internationalen Reformaktion in Mazedonien aufzuerlegen. Durch die geschichtliche Erfahrung belehrt, nicht Wirksames von einem europäischen Eingreifen zu erwarten, das nicht durch eine bewaffnete Armee unterstützt wird, entschied sich Bulgarien im Frühling 1904 zu einem zweiten Versuch, ein Einverständnis mit Serbien zu erreichen. Aber auch dieser Versuch gelang nicht völlig, obgleich damals zwischen Serbien und Bulgarien ein formelles Bündnis abgeschlossen wurde. Der Versuch mißlang

 

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aus demselben bereits bekannten Grund: Serbien stimmte der Autonomie Mazedoniens nicht zu, oder, um es genauer auszudrücken, es billigte eineverstümmelte Autonomie, indem es darauf bestand, daß der Kreis Usküb als zu „Altserbien”, aber nicht zu Mazedonien gehörig, anerkannt werde — eine geographische Ketzerei von sehr wichtiger politischer Tragweite. Glücklicherweise brach bald darauf die jungtürkische Revolution von 1908 aus, die schon in den ersten Monaten die europaische Reformaktion in Mazedonien liquidierte. Ewas später inaugurierten die Jungtürken eine ultranationalistische und eine panislamische Politik mit dem Zweck, den ethnographischen Charakter Mazedoniens zu verandern — es sollte von seinem gefährlichen Element, den bulgarischen intellektuellen, gesäubert und die bulgarische Mehrheit durch erzwungene Auswanderung in eine Minderheit verwandelt werden — so daß jeder Krieg zu seiner Befreiung ungerechtfertigt und gegenstandslos würde. Bei dieser drohenden Gefahr, ganz Mazedonien zu verlieren, entschloß sich die bulgarische Regierung 1911 zu einem neuen Versuch, aem dritten, ein Einverständnis mhSerbien herbeizuiühren. Nach langen Verhandlungen wurde ein bündnis geschlossen, una es hatte den ersten Balkankrieg von 1912 zum Ergebnis. Gleich nach dem Abschluß dieses Bündnisses ergriff Bulgarien die Initiative, mit Griechenland und Montenegro Verträge zu vereinbaren, auf Grund deren auch diese zwei Staaten am Krieg teilnahmen. Das Weitere ist allen wohl bekannt, da ja die Ereignisse jedem noch irisch im Gedächtnis sind. Das Endergebnis all dieser Bündnisse und Vereinbarungen war der tragische zweite Balkankrieg von 1913, der mit dem Frieden von Bukarest und der Beraubung Bulgariens endete.

 

Aus der hier in ihren wichtigsten Episoden wiedergegebenen lehrreichen Geschichte kann man, denke ich, die nachstehenden unbestreitbaren Thesen und Schlüsse folgern:

 

Dali die Balkanhaibinsel seit sehr vielen Jahren der hauptsächliche Herd war, dem jene Funken entsprangen, die die meisten Kriegsbrände in Europa verursacht, die auch den gegenwärtigen großen Kueg angefacht hauen. Daraus îolgt, daß deren Beruhigung unentbehrlich ist, um den Frieden in Europa völlig zu sichern.

 

Daß die balkanhaibinsel ein solcher Herd werden konnte, weil sie unter dem nationalen, politischen und wirtschattlichen Gesichtspunkt nicht kristallisiert war. Die Türkei, der sie fast fünf Jahrhunderte angehörte, beherrschte sie bloß durch ihre militärische Kraft; und nach der Befreiung Serbiens, Griechenlands und Bulgariens verblieb ein großer Teil des Balkangebietes in den Händen der Türken und war ein Objekt für die Eroberungsabsichten der Balkanstaaten und für die Rivalitäten der Großmächte.

 

Daß alle Bemühungen zur Pazifikation des Balkans während der letzten vierzig Jahre bloß seitens Bulgariens erfolgten,des einzigen BalkanstaateSjderein Einverständnis mit seinen Nachbarn (hauptsächlich mit Serbien) anstrebte und drei formelle Versuche machte, um eine solche Einigung zu verwirklichen.

 

Daß zur Erreichung dieses Zieles Bulgarien sogar bereit war, auf seine Vereini-

 

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gang mit Mazedonien zu verzichten, indem es vorschlug, es zu einem autonomen Staat zu machen, der ein Bindeglied zwischen den Balkanstaaten bilden und als unabhängige politische Einheit dem künftigen Balkanbund angehören sollte.

 

Daß zu demselben Zweck sich Bulgarien im Jahre 1912 zu dem Opfer entschloß, sich ein Stück lebendigen Fleisches aus seinem eigenen Körper herausreißen zu lassen, indem es sich dazu verstand, Serbien einen Teil bulgarischen Gebietes in Nord-Mazedonien zu überlassen.

 

Daß wieder zu demselben Zweck Bulgarien niemals die Frage betreffs seiner Gebiete in der Dobrudscha und im Kreise Nisch aufgeworfen hat, die, wie bereits erwähnt wurde, von Rumänien und Serbien als militärische Entschädigung für ihre Beteiligung am russisch-türkischen Kriege von 1878 annektiert wurden.

 

Daß Bulgarien niemals auf andere Gebiete Anspruch erhoben hat als auf diejenigen, die ihm in der Vergangenheit gehörten, mit denen es das türkische Joch während fünf Jahrhunderten geteilt hat und die als bulgarisch von allen hervorragenden Forschern, die sich mit der europäischen Türkei befaßt naben. von der Türkei selbst und von den Großmächten auf ihrer Konferenz in Konstantinopel von 1876/77 anerkannt worden sind.

 

Und daß schließlich das Märchen von einer Absicht Bulgariens, seine Oberherrschaft der ganzen Halbinsel aufzuerlegen — ein von den Griechen und Serben im Jahre 1913 ersonnenes Märchen ist —, eine der unhaltbarsten und tückischsten Verleumdungen, die ie gegen ein Volk geschleudert worden ist.

 

Kennt man das Vorhergehende, so ist es nicht allzu schwierig, die Frage zu beantworten : Auf welchen Grundlagen kann und soll ein lange währender Frieden auf der Balkanhalbinsel errichtet werden? Ich will es wagen, eine Antwort auf diese Frage zu geben, indem ich meine persönliche Ansicht, die niemanden verpflichtet, entwickeln werde. Ich werde diesen Versuch, wenn nicht mit völliger Leidenschaftslosigkeit, so doch zum mindesten mit menschenmöglicher Unparteilichkeit unternehmen.

 

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Folglich: Die Pazifizierung der Balkanhalbinsel ist nur unter der Bedingung einer nationalen, politischen und wirtschaftlichen Kristallisierung der Balkanstaaten möglich. Eine solche Kristallisierung kann nur erfolgen, wenn alle Staaten ihre endgültigen Grenzen erhalten. Die Demarkation dieser Grenzen muß nach den folgenden Fundamentalgrundsätzen gezogen werden: Die Grenzen müssen nach Möglichkeit natürliche Grenzen sein; sie müssen die betreff enden Völker in ihrer nationalen Formation umfassen, ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit verbürgen, ihren geschichtlichen Traditionen entsprechen und dem Rechte jedes Volkes, über sich selbst zu bestimmen nicht widerstreiten. Selbstverständlich dürfen diese Fundamentalgrundsätze für die Festsetzung der künftigen Grenzen der Balkanstaaten nicht in mathematischer Weise angewandt werden, so daß sich manche Berichtigungen und Vergleiche aufdrängen werden, indem man sich vielleicht ein wenig von den Grundsätzen selbst entfernen wird. Aber man

 

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darf nicht vergessen, daß ideale Orenzen für die Völker des Kontinents unmöglich sind, wie es auch unmöglich ist, den militärischen Ergebnissen des gegenwärtigen Krieges nicht auch Rechnung zu tragen.

 

Eine auf den oben erwähnten Grundlagen erlangte Kristallisierung der Balkanhalbinsel muß den Balkanstaaten die folgenden politischen Grenzen geben:

 

Die Türkei wird in Europa ihre gegenwärtige, in der türkisch-bulgarischen „Rektifizierungskonvention” vom 24. August —6. September 1915 (siehe 40. Karte in diesem Atlas) angegebene Orenze gegen Bulgarien behalten müssen. Die wirtschaftliche Notwendigkeit dieser beiden Staaten, die Maritza zu einem schiffbaren Fluß zu machen, wird vielleicht eine kleine Berichtigung dieser Grenze erfordern; aber diese Frage rein interner Art ist zwischen der Türkei und Bulgarien zu regeln und wird durch diese Staaten selbst sehr leicht gelöst werden.

 

Rumänien wird endgültig und unwiderruflich sowohl auf die alte Dobrud-scha, mit der es 1878 beschenkt worden ist, als auch auf die von ihm 1913 geraubte neue Dobrudscha verzichten und sich in seine alten Grenzen jenseits der Donau zurückziehen müssen. Dies muß verwirklicht werden; nicht bloß, weil die Dobrudscha die Wiege des bulgarischen Volkes ist und zwölf aufeinander folgende Jahrhunderte zu Bulgarien gehörte; nicht bloß, weil Rumänien selbst 1878 die Dobrudscha als bulgarisches Gebiet anerkannte und seine Unzufriedenheit äußerte, als Rußland ihm dagegen Bessarabien entriß; und nicht bloß deshalb, weil die ganze Dobrudscha Rumänien durch Waffengewalt bereits wieder entrissen wurde; sondern auch weil Rumänien niemals zur Balkanhalbinsel gehört hat und zu ihr nicht mehr gehören darf, wenn man zwischen ihm und Bulgarien Frieden haben und auf dem Balkan den Frieden aufrecht erhalten will. Rumänien muß aus noch einem anderen Gründe die Dobrudscha abtreten: Die Mundung eines so internationalen Flusses wie die Donau, darf sich nicht in den Händen eines einzigen Staates befinden.

 

Wenn man Rumänien die ganze Dobrudscha wegnimmt, ist es keineswegs des Meeres beraubt, da ja die Städte Galatz und Braila am Donauufer immer auch Seehafen gewesen sind. Was die rumänische Petroleumindustrie betrifft, deren Ausfuhr über den Hafen Kon-stanza in der Dobrudscha geht, so wird man sie durch eine rumänisch-bulgarische Konvention verbürgen können, die Rumänien auch wirtschaftliche Vorteile auf der Eisenbahnlinie Tschernawoda— Konstanza gewähren würde. Bulgarien wird sogar bereit sein, Rumänien für Konstanza dieselben wirtschaftlichen Zugeständnisse zu machen, die Griechenland in Saloniki Serbien gemacht hat.

 

Bulgarien wird alle seine Gebiete, die ihm mit Gewalt im Jahre 1878 weggenommen und unter die Nachbarn verteilt wurden, vereinigen müssen: Mazedonien, die Dobrudscha und das Gebiet Nisch. Bulgarien hat auf diese Gebiete nationale, moralische, geschichtliche und geographische Rechtsansprüche, die von den alten Beherrschern dieser Gebiete.

 

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von fast allen berühmten Balkangeographen und Balkanforschern und von allen Großmächten anerkannt worden sind. Es ist wahr, daß es Rumänien und Serbien gelungen ist, während der vierzigjährigen Beherrschung der Dobrud-scha und des Nischgebietes, diesen Provinzen schon infolge der Herrschaft ihr eigenes nationales Gepräge zu geben. Allein es ist. nicht minder wahr, daß die bulgarischen Rechte so unveränderlich und unbestreitbar sind, daß man sie ebenso durch die französierte Formel „Desannexion”, die der Ministerpräsident Ribot verkündet hat, wie durch die deutsche, von dem Professor und Volkswirtschaftler Adolf Wagner gebildete Formel „Reannexion” verteidigen kann.

 

Davon abgesehen, muß Bulgarien sich auch das ganze Timokbecken, da es bulgarisches Land ist, wieder einverleiben, das, im Jahre 1833 von der Türkei an Serbien abgetreten, vor diesem Zeitpunkt niemals in die historischen, politischen und kirchlichen Grenzen Serbiens einbezogen war. Über dieses Becken muß Bulgarien herrschen, nicht bloß, weil es in der Vergangenheit bulgarisch war und jetzt durch die Waffen wieder erobert wurde; sondern, hauptsächlich, weil der Besitz des Beckens für Bulgarien eine zwingende Notwendigkeit ist, um einen Gebietsanschluß an Ungarn zu erlangen. Ohne diesen würden infolge des unversöhnliches Hasses Serbiens und Rumäniens gegen alles, was bulgarisch ist, die Handelsbeziehungen zwischen Bulgarien und Westeuropa von jenen beiden Staaten stillschweigend boykottiert werden, was die wirtschaftliche Unabhängigkeit Bulgariens gefährden müßte. Diese Gebietsberührung ist für Bulgarien eine ebensolche Lebensfrage wie für Serbien ein Ausgang ans Meer.

 

Es ist kaum notwendig, zu beweisen, daß Bulgarien sich auch Mazedonien angliedern muß, das in vergangener Zeit sogar seine Feinde als bulgarisches Gebiet anerkannt haben. Was die Hauptstadt Mazedoniens, Saloniki, seinen einzigen Seehafen, betrifft, so muß sie entweder als freie Stadt neutralisiert, oder ein Kondominium Griechenlands und Bulgariens werden, wie dies zwischen den beiden Balkankriegen von 1912 und 1913 der Fall war. Sonst wird das ganze mazedonische Hinterland ohne Seehafen bleiben, eine unzulässige und an Gefahren für den Balkanfrieden reiche Situation.

 

Serbien muß innerhalb der Grenzen, die ihm (nach Rückerstattung jener Gebiete an Bulgarien, die diesem in der Vergangenheit entrissen wurden) wieder hergestellt werden, indem es mit ganz Montenegro (ausschließlich des Lowtschen Berges) und ganz Nord-Ost-Albanien, d. h. mit dem Metochie-Gebiet und dem Kossowo-Feld, das in der serbischen Geschichte auch durch seine Fruchtbarkeit berühmt ist, vereinigt wird. In solcher Weise wird Serbien seinen Traum — den unentbehrlichen Ausgang zum Adriatischen Meer, der sein natürlicher Ausgang ist, — verwirklicht sehen und über zwei Seehafen verfügen, Antivari und Dulcigno. Dieser hat zugleich einen herrlichen Strand. Der Zugang zum Adriatischen Meer wird, da Serbiens

 

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mittleres Hinterland stets von der serbischen Rasse bevölkert war, dem serbischen Volk wirtschaftliche Unabhängigkeit sichern und es von seinen panserbischen, für den Frieden auf dem Balkan so gefährlichen Aspirationen ablenken. Dieser Friede kann aber nur unter einer „conditio sine qua non” völlig verbürgt sein: daß Serbien ein für allemal auf Mazedonien verzichtet.

 

Montenegro muß, wie bereits gesagt, mit Serbien vereinigt werden: weil es ein rein serbisches Land ist; weil das ganze montenegrinische Volk diese Vereinigung mit Serbien heiß wünscht; weil es Montenegro an den für einen modernen unabhängigen Staat notwendigen Bedingungen fehlt; und weil die Montenegriner seit einigen Jahren einen solchen organischen Haß gegen ihre Dynastie empfinden, daß sie, wenn ihre Vereinigung mit Serbien nicht erfolgt, sogar Österreich einem unabhängigen Montenegro unter der Dynastie des Königs Nikita vorziehen würden.

 

Albanien hat gleich den anderen Balkanländern das Anrecht auf eine politisch unabhängige Existenz. Aber die mit seiner Selbständigkeit 1913—1915 gemachte Erfahrung erwies, daß es die für einen politisch freien Staat unentbehrlichen Voraussetzungen nicht besitzt. Seine politische Lebensfähigkeit wird überdies durch die Abtretung des Metochie-Gebietes und des Kossowo-Feldes an Serbien geschwächt werden, und ohne diese ist eine Verschmelzung Serbiens mit Montenegro tatsächlich unmöglich. Albanien könnte auch ein selbständiges Dasein unter dem Protektorat einer der Großmächte, Österreichs .oder Italiens führen; aber in solchem Falle würde es eine Kolonie werden und, was noch schlechter ist, einen neuen Herd von Rivalitäten und Unruhen auf der Balkanhalbinsel bilden. Ungeachtet der vollen Sympathie, die man für die politische Unabhängigkeit dieses eigenartigen, aus zwei verschiedenen Rassen (den Tosken und den Gegen) zusammengesetzt, drei Glaubensbekenntnissen (dem Islam, dem Katholizismus und der Orthodoxie) angehörigen Volk haben muß, erachte ich es als vorteilhafter für die Albaner selbst, sowie für die Pazifizierung des Balkans, daß Albanien zu den benachbarten Balkanstaaten gehöre, — wohlgemerkt, indem durch eine internationale Urkunde dem albanischen Volke die religiöse, nationale und kulturelle Freiheit gewährleistet wird. Wenn eine solche Lösung bezüglich Albaniens angenommen werden sollte, müßte der ganze Stamm der Tosken, der Nord-epirus und Südalbanien bis zum Fluß Schkumbi, also einschließlich Valona, bewohnt, an Griechenland fallen, da er unter dem Einfluß der griechischen Kultur steht. Der Rest von Albanien, der nördliche Teil einschließlich Durazzo, müßte Serbien überlassen werden, während in Mittelalbanien Bulgarien ein Korridor zugestanden werden könnte zum Bau einer Eisenbahn, die das Adriatische Meer für nora-west-Mazedonien zugänglich macht.

 

Griechenland, in so reichem Maße durch Epirus und Südalbanien vergrößert, wird an Bulgarien die Gebiete, die es ihm im Jahre 1913 entrissen

 

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hat, und die Venizelos selbst vor dem zweiten Balkankrieg zu überlassen einverstanden war, zurückgeben müssen. (Der frühere Balkankorrespondent der „Times”, Herr Bourchier, der der diskrete Vermittler zwischen der bulgarischen Regierung und Venizelos für den Abschluß des Bündnisses zwischen Bulgarien und Griechenland im Jahre 1912 war, kennt die Grenzen genau, die sein intimer freund Venizelos Bulgarien damals für die Abtretung Salonikis an Griechenland vorgeschlagen hat.)

 

Wenn die oben angegebenen Grenzen der Balkanstaaten sich durch einen internationalen Kongreß kristallisieren werden und das große menschliche Prinzip des internationalen Schiedsgerichts ihnen auferlegt sein wird, wird die Pazifizierung der Halbinsel nicht mehr angezweifelt werden können.

 

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Die Mehrheit der europäischen Sozialisten empfiehlt in ihrem humanitären und idealistischen Bestreben, dem großen Krieg ein Ende zu setzen, ein Plеbiszit, als das gerechteste und demokratischste Mittel zur Lösung der Zwistigkeiten wegen der Gebiete, die früher annektiert worden sind, oder bei Schluß des gegenwärtigen Krieges annektiert werden sollen. Im Prinzip stehen die Rechtlichkeit und der Demokratismus dieses Mittels außer jeder Diskussion. Dennoch würde die Anwendung dieses Grundsatzes unter den gegenwärtigen Umständen kaum die wahren und gerechten Ergebnisse zeitigen, die man von einem Plebiszit erwartet.

 

Nehmen wir z. B. die Balkanhalbinsel.

 

Die Dobrudscha, die im Jahre 1878 Rumänien überlassen wurde, ist das Land, wo 679 das erste bulgarische Reich gegründet worden ist. Seit jener Epoche bis zum Jahre 1878 lag die Dobrudscha stets innerhalb der Grenzen der bulgarischen Rasse, selbst als Bulgarien unter der Herrschaft von Byzanz und der Türkei stand. Als die Dobrudscha 1878 an Rumänien fiel; war sie von mehreren Volksstämmen bewohnt, an deren Spitze sich die Bulgaren befanden. Ein Plebiszit zu jener Zeit hätte in der Dobrudscha eine in ihrem Nationalbewußtsein starke und allen anderen Völkern dieser Provinz kulturell überlegene bulgarische Mehrheit festgestellt. Die Türkei selbst hat diese Tatsache im Jahre 1870 zugegeben, indem sie die Eparchie Tultscha — die einzige Eparchie in der Dobrudscha — als bulgarische anerkannte. Dasselbe wurde auch von angesehenen Männern Rumäniens, wie Cogalniceanu, Roman, Luca Jonescu, Grigori Danescu, Alexander Sturdza, Nacian u. a. m. — deren Werke in unserer Bibliographie angegeben sind — anerkannt. Noch mehr. Fast die ganze damalige rumänische Presse erklärte sicli gegen die Einverleibung der Dobrudscha und selbst 46 rumänische Abgeordnete .erklärten, damals öffentlich, daß „Rumänien kein Interesse habe einen Landstrich jenseits der Donau zu annektieren, was nur zu Komplikationen und Unruhen führen würde.” Zur selben Zeit protestierten mit Beredsamkeit im Senat die früheren Ministerpräsidenten, der ver-

 

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storbene D. Sturdza und der noch lebende Peter Carp, gegen die Annexion der Dobrudscha. Wieweit die Dobrudscha im Jahre, 1878 als bulgarisches Land galt, geht aus der bezeichnenden Tatsache, daß die Proklamation, durch welche der König Carol den Bewohnern der Dobrudscha ankündigte, daß sie nunmehr rumänische Staatsangehörige geworden waren, sowohl in der amtlichen rumänischen, wie in der bulgarischen Landessprache abgefaßt war. Nach der Annektierung der Dobrudscha wandte die rumänische Regierung jedoch folgende drei Mittel an, um deren ethnographische Physiognomie zu verändern. Sie hob die Schul- und kirchliche Selbständigkeit der Bulgaren in der Dobrudscha auf; sie zwang Tausende von eingeborenen Bulgaren, die das intellektuelle Element des Landes bildeten, nach Bulgarien auszuwandern; sie veranlaßte die Einwanderung in die Dobrudscha von mehr als 100 000 Rumänen aus Rumänien selbst. Durch dieses eigenartige System wurde die bulgarische Mehrheit des Landes zu einer Minderheit herabgesetzt, und eine künstlich geschaffene rumänische Mehrheit trat an ihrer Stelle. Mir scheint, selbst der doktrinärste Sozialist wird zugeben, daß durch so willkürliche Maßnahmen die ethnographische Physiognomie jedes Landes verändert werden kann, aber das erweist durchaus nicht den wahren Nationalitätenstand des Landes.

 

Fast in derselben Weise ging auch Serbien im Timok-Becken und im Nisch-Ciebiet vor, mit dem einzigen Unterschied, daß es nicht erst der Einwänderung der Serben aus Serbien selbst bedurfte, in der Annahme, daß die Bulgaren dieser Gegenden als Slawen sich nach einer in den serbischen Schulen verbrachten Generation den Serben leicht assimilieren würden. So geschieht es, daß wir augenblicklich Zeugen von paradoxalen Tatsachen sind: der serbische Ministerpräsident Nicola Paschitsch ist ein serbisierter Bulgare, geboren im Städtchen Zaïtschar, und der gegenwärtige Oberkommandant der serbischen Armee, der Generalissimus Mischitsch, gleichfalls ein Serbe gewordener Bulgare, geboren im Dorfe Veliki-Isvor bei Zaïtschar.

 

Was Rumänien in der Dobrudscha tat, wiederholte Griechenland buchstäblich in den von ihm 1913 eroberten mazedonischen Gebieten, indem es dort aus der Region von Adrianopel und aus Thrazien geflüchtete Griechen einwandern ließ und Täusende eingeborener Bulgaren zur Auswanderung nach Bulgarien zwang.

 

Die Serben wandten in dem von ihnen im Jahre 1913 geraubten Mazedonien ihre alten. Methoden zur Entnationalisierung der eingeborenen Bulgaren an. Indessen war die Zeit zu kurz, als daß diese Methode alle gewollten Ergebnisse erzielt hätte.

 

So daß der ethnographische Bestand der Balkanhalbinsel wesentliche Änderungen während der dem russisch-türkischen Kriege von 1877—1878 folgenden Jahren, sowie während der beiden Balkankriege von 1912—1913 erfahren hat.

 

Wäre ein heute in diesen Ländern

 

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unter solchen Umständen veranstaltetes Plebiszit aufrichtig?

 

Ich nehme an, daß jeder gewissenhafte und unparteiische Sozialist auf diese Frage nur eine verneinende Antwort geben kann.

 

Aber noch mehr.

 

Welche Garantien immer man für die Aufrichtigkeit eines Plebiszits schaffen würde, so müssen die Staaten, die gegenwärtig die bestrittenen Gebiete besetzt halten, unfehlbar einen suggestiven Einfluß auf die Ergebnisse des Plebiszits ausüben, und was am meisten diese Ergebnisse beeinflussen würde, wäre die Voraussetzung: wer wird der Beherrscher der bestrittenen Gebiete nach dem Plebiszit sein? Diese Voraussetzung wird naturgemäß zugunsten jener Staaten ausfallen, die diese Gebiete jetzt beherrschen. Kann ein solches Plebiszit aufrichtig sein und den wahren Willen der über ihr eigenes Schicksal abstimmenden Völker darstellen?

 

Sicherlich nicht.

 

Wer bedarf dann eines in seinem Keime fehlerhaften und in seinem Ergebnisse verdächtigen Plebiszits?

 

Unter allen heute kämpfenden Staaten, die „Desannexionen” und „Reannexionen” machen wollen, ist Bulgarien vielleicht der einzige, der vor einem Plebiszit keine Furcht hat; allein ich wiederhole es, das Plebiszit wäre nur dann gerechtfertigt, wenn es aufrichtig wäre — wie es das Plebiszit in Mazedonien im VII. Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts gewesen ist, das den bulgarischen Charakter des Landes bewiesen hat. Weiter unten (Seite 55) werden die Leser ersehen, daß dieses Plebiszit unter Bürgschaften geschah, die nicht den geringsten Zweifel über dessen Aufrichtigkeit zuließen. Nämlich: Es wurde von der Türkei — einer in der Auseinandersetzung neutralen Autorität — veranstaltet und unter der Aufsicht des griechischen Patriarchats, welches das Vorhandensein einer bulgarischen Mehrheit in Mazedonien bestritt, die das bulgarische Exarchat anzuerkennen wünschte. Und das unbestrittene Ergebnis war überraschend: 1/2 der christlichen Bevölkerung Mazedoniens sprach sich für das Exarchat aus, d. h. erklärte offen, daß sie bulgarisch sind und die Autorität des griechischen Patriarchats nicht mehr anerkennen wollen.

 

Ein anderes Mittel, im besonderen zur Beilegung des Zwistes über Mazedonien, das von einigen Sozialisten vorgeschlagen wurde, ist noch weniger zeitgemäß und verspricht noch geringeren Erfolg. Diese Sozialisten kommen heute auf die alte bulgarische Formel von der Autonomie Mazedoniens zurück, wobei sie vergessen, daß gerade wegen der Unmöglichkeit diese Autonomie zu verwirklichen, die beiden Balkankriege von 1912/1913 ausgebrochen sind, die den gegenwärtigen Krieg herbeigeführt haben. Die Rückkehr zur Autonomie Mazedoniens würde das neuerliche Schaffen von Herden der Zwietracht unter den Balkanländern und von Rivalitäten unter den Großmächten bedeuten. Kann es eine größere Gefahr für den künftigen Frieden auf der Balkanhalbinsel geben?

 

XVI

 

 

Vor kurzem hat der russische Sowjet der Arbeiter und Soldaten in seiner bekannten Friedensresolution vorgeschlagen, die Autonomie in der Dobrudscha, Mazedonien und den anderen strittigen Balkanländern einzuführen, worauf ein Plebiszit über deren endgültiges Schicksal entscheiden sollte. Dieser Vorschlag ist so wenig zweckentsprechend und so wenig durchführbar, daß man zu glauben geneigt ist, der russische Sowjet habe ihn bloß gemacht, um sein Gewissen gegenüber den unglücklichen Verbündeten Rumänien und Serbien zu beruhigen. Denn würde man diesen Vorschlag annehmen, dann wäre kein Frieden im Balkan mehr möglich. Und was das Wesentliche ist, dieser Friede würde gestört, bevor die Autonomie angewendet wäre und natürlich bevor das Plebiszit stattgefunden hätte. Die Pazifizierung der Balkanhalbinsel muß auf Grundlagen aufgebaut werden, die jeden zu rechtfertigenden Vorwand für einen Krieg unter den Balkanstaaten ausschließen. Nun, eine solche Pazifizierung ist nur unter den oben erörterten Bedingungen möglich. Dies ist wenigstens meine tiefe Überzeugung.

 

*

 

Bulgarien ist ein kleiner Staat. Er kann sich nicht den Luxus erlauben, von irgendeinem Imperialismus oder einer Hegemonie über die Balkanhalbinsel zu träumen, seine politisch-nationale Vereinigung bloß durch Gewalt zu Ende führen zu wollen, oder seine militärischen Ziele mit der großen Phrase, daß es „für die Freiheit und Zivilisation der Welt'“ kämpfe, zu verhüllen. Für Bulgarien ist das moralische Element in der Politik obligatorisch. Folglich muß es seine unveränderlichen Rechte auf die Territorien, die es als bulgarische betrachtet, beweisen und in solcher Art von der ganzen Welt die moralische Sanktion seiner Vereinigung verlangen. Der vorliegende Atlas verfolgt eben dieses letztere Ziel.

 

Hauptsächlich mit der Hilfe von fachkundigen Gelehrten und unparteiischen Forschern, die fast allen jetzt kämpfenden Völkern angehören, stellt der Atlas in unzweifelhafter Weise Bulgariens ethnographische Rechte auf Mazedonien, die Dobrudscha und die Region Nisch fest. Und was in diesem Fall von besonderer Wichtigkeit ist: Diese ethnographischen Rechte Bulgariens sind von den europäischen Kapazitäten zu einer Zeit anerkannt worden, als Bulgarien selbst politisch noch nicht bestand, um in irgendeiner Hinsicht deren Schlußfolgerungen beeinflussen zu können und, als die Zwistigkeiten unter den Völkern des Balkans wegen der politischen Herrschaft über diese Gebiete noch nicht begonnen hatte, um irgendeine Voreingenommenheit der Autoren zugunsten irgendeines Teiles voraussetzen zu dürfen. Glücklicherweise haben auch die zeitgenössischen Balkanforscher diese Rechte Bulgariens auf Mazedonien bestätigt. (Von der Dobrudscha und dem Nischgebiet, die erst nach 1878 in die politischen Grenzen Rumänien und Serbien einbezogen worden sind, konnte dabei noch nicht die Rede sein.) Weil aber Karten dieser neuen Forscher, die man in

 

XVII

 

 

diesem Atlas hätte reproduzieren können, nicht vorhanden sind, führen wir in der angeführten Bibliographie bloß die Titel ihrer Werke an.

 

Im übrigen erkennen nicht bloß europäische Gelehrte die Rechte Bulgariens auf Mazedonien, die Dobrudscha und das Nisch-Gebiet an.

 

Wie die Leser in diesem Atlas später sehen werden, sind Bulgariens Rechte auch von den Staaten anerkannt worden, die in der Vergangenheit diese Gebiete beherrscht haben. Nämlich: das byzantinische Reich, welches das ganze bulgarische Volk unter der politischen Benennung „Bulgarien” von 1018—1186 beherrscht hat — ebenso wie in Serbien bei seiner Herrschaft in Mazedonien (1330 bis 1371) die Könige ihrem Königstitel auch die Worte „König der Bulgaren” hinzufügten. Die Türkei, die Bulgarien fünf volle Jahrhunderte beherrscht hat, hat mehr als einmal diese Gebiete als bulgarische anerkannt. Und sie hat sie im Jahre 1870 als solche durch eine feierliche Urkunde durch den Firman über die Errichtung des bulgarischen Exarchats anerkannt. Endlich haben alle Großmächte diese Rechte Bulgariens in ihrer Konferenz von Konstantinopel von 1876—1877 anerkannt. (Siehe Karte 32, Seite 57—58.)

 

Welchem anderen Balkanvolke wurden Rechte auf diesem Gebiete in so maßgebender und einstimmiger Weise zuerkannt?

 

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Aus diesem Atlas werden die Leser noch manche interessante Tatsache erfahren, die ihre Kenntnisse von der Balkanhalbinsel ergänzen werden.

 

Zum Beispiel:

 

Daß die jetzige Wallachei von Bulgarien 90 Jahre lang (805—895) beherrscht war.

 

Daß die gegenwärtige serbische Hauptstadt Belgrad vom bulgarischen König Krum im Beginn des IX. Jahrhunderts erobert worden ist, als sie noch den Namen Singidunum trug. In jener Zeit wurde auch die ganze Morawa-Provinz erobert. Und 828—829 eroberte Bulgarien auch die Provinz Srem (Sirmium) zwischen den Flüssen Sawa, Drawa und Donau, und befestigte endgültig seine Macht über die serbische Hauptstadt, die damals den gegenwärtigen Namen Belgrad annahm. Die Herrschaft der Bulgaren über Belgrad währte bis 1019, wo die Stadt und die Provinzen Srem und Morawa von den Byzantinern erobert wurden; aber in kirchlicher Beziehung blieben Belgrad und die beiden Provinzen auch weiter unter der Herrschaft des bulgarischen Patriarchats von Ochrida. Zum zweiten Male kam Belgrad im Anfang des XIII. Jahrhunderts unter bulgarischer Herrschaft und blieb bis zu der Eroberung durch den serbischen König Duschan 1353 in bulgarischen Händen. So standen die serbische Hauptstadt, sowie die Provinzen Morawa und Srem ungefähr 250 Jahre unter bulgarischer Herrschaft.

 

Daß Südalbanien und ein Teil vom nördlichen Epirus unter bulgarischer Herrschaft zur Zeit des Zaren Simeon nach dem Vertrag von 904 kamen, als Bulgarien sich südlich der Stadt Durazzo

 

XVIII

 

 

bis einschließlich des Städtchens Butriito einen Ausgang an das Adriatische Meer schaffte, während zur Zeit des Zaren Samuel ganz Albanien zum bulgarischen Staat gehörte und unter dessen Herrschaft bis zum Zusammenbruch des westbulgarischen Reiches verblieb. Während des zweiten Bulgarenreiches geriet Albanien aufs neue unter bulgarische Herrschaft, im Jahre 1230, zur Zeit des Königs Ivan Assen II, und blieb bulgarisch bis 1246, da der Despot von Epirus, Michel IL, es mit seinen Gebieten wieder vereinigte. Usw., usw., usw.

 

Wie der Leser sich überzeugt hat, beherrschte Bulgarien in der Vergangenheit: die Valachei — 90 Jahre, die Hälfte Serbiens mit ihrer Hauptstadt Belgrad — etwa 250 und Albanien nahezu 200 Jahre lang. Aber keinem einzigen Bulgaren ist deshalb bis jetzt eingefallen, irgend welche historische Rechte über alle diese Länder für sich in Anspruch zu nehmen — wie es die Serben bezüglich Mazedonien tun, das sie nur 40 Jahre besetzt hielten und dies als bulgarisches Land ...

 

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Um diesem Atlas einen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen, wurde der ethnographische Teil dem Professor für Geographie an der Universität von Sofia A. Ischirkoff anvertraut und der historische Teil dem Professor für Geschichte an derselben Universität V. Zlatarski — zwei in der Wissenschaft wegen ihrer fachkundigen Gelehrsamkeit und seltenen Objektivität wohlbekannte Namen. Professor Zlatarski hat auch die historischen Karten Bulgariens (6—14) gezeichnet, die die ganze geschichtliche Entwicklung des ersten und zweiten Bulgarenreiches darstellen, während Professor Ischirkoff die Karte des bulgarischen Exarchats (31) und die von Bulgarien nach dem Bericht des Fürsten Tscherkasky (33) bearbeitet hat. Die Karten wurden unter der Aufsicht des Hauptmanns Armand Odlé, des technischen Vorstehers der kartographischen Abteilung des preußischen Generalstabes, hergestellt. Man kann nur bedauern, daß infolge Zeitmangels des Professors Zlatarski historische Karten auf einer zeitgenössischen Karte gezeichnet werden mußten. Aber dies vermindert keineswegs ihren wissenschaftlichen Wert.

 

Berlin, Dezember 1917.

 

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