Die Bulgaren in ihren historischen, ethnographischen und politischen Grenzen. Atlas mit 40 Landkarten.

Vorwort von D. RIZOFF

 

1. Europa zur Zeit der Karolinger

2-5. Historische englische Landkarte Bulgariens

6. Bulgarien zur Zeit des Asparuch und Terwel

7.                „             Krum und Omortag

8.                „             Pressiam und Boris

9.                „             Simeon und Peter

 

1. — Europa zur Zeit der Karolinger.

 

Diese Landkarte ist Spamers Illustrierter Weltgeschichte entnommen und zeigt Europa zur Zeit der Karolinger, die, wie man weiß, in Deutschland von 752 bis 911 regierten. Auf dieser Karte sind die Grenzen des ersten Bulgarenreiches jener Epoche nicht mit voller geschichtlicher Genauigkeit gezogen.

 

Im VIII. Jahrhundert (752—800) umfaßte der bulgarische Staat das heutige Nordbulgarien, das nördliche Thrazien, die südliche Hälfte der Wallachei und das südliche Bessarabien; letzteres ist aber auf der Karte nicht als bulgarisches Gebiet angegeben.

 

Die Karte bezieht einige Landstriche in Bulgarien ein, die im IX. Jahrhundert (801—900) nicht dazu gehörten. Z. B. Mazedonien während der Regierung Krum's; die Nordwestgrenze zog sich längs der Theiß, aber nicht der Donau hin; unter den Herrschern Pressiam und Zar Boris waren weder Albanien noch Epirus bulgarisches Gebiet; unter Zar Simeon waren Ostungarn und Siebenbürgen bereits verloren gegangen.

 

Im Sinne des Vertrags von 904 hatten die Bulgaren im X. Jahrhundert (901—911) zur Zeit der Regierung des Zaren Simeon zum Adriatischen Meere Zutritt, in Wirklichkeit beherrschten sie jedoch einen weitaus größeren Küstenstrich als die Karte anzeigt. Ungenau sind ferner die Grenzen Ostmazedoniens sowie der Region von Saloniki gezeichnet. Es muß auch noch erwähnt werden, daß der Anfang der südlichen Grenze am Ufer des Schwarzen Meeres falsch angegeben ist; sie setzte an einem weit südlicher vom Städtchen Midia gelegenen Punkt ein.

 

Aus alle dem geht hervor, daß der Urheber der Karte die Geschichte Bulgariens nicht ganz genau kennt, und deshalb verwechselt er die Grenzen des bulgarischen Staates in den verschiedenen Epochen. Infolge dieser Irrtümer gibt die Karte keine richtige Vorstellung von der jeweiligen Ausdehnung des Bulgarenreiches während des angegebenen Zeitraumes bezüglich der Vereinigung der Balkan- und Dazischen Slaven unter bulgarischer Herrschaft.

 

Trotz dieser Mangelhaftigkeit ist diese Landkarte aus zwei Gründen hier wiedergegeben: a) Damit eine Karte mehr aus der Zeit des ersten Bulgarenreiches, von einem europäischen Gelehrten entworfen, veröffentlicht werden kann, b) zum Beweise der Unparteilichkeit, mit der dieser Atlas zusammengesetzt worden ist, und der wissenschaftlichen Objektivität, mit der Professor Zlatarsky in seinen neuen Karten die historische Entwicklung des bulgarischen Staates bis zur Türkenherrschaft dargestellt hat.

 

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( 1. — Europa zur Zeit der Karolinger )

 

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2—5. — Historische englische Landkarten Bulgariens.

 

Е. A. Freemann (1823—1892), der Professor für Geschichte an der Universität zu Oxford war, hat im Jahre 1880 sein berühmtes Werk „Die politische Geographie Europas” nebst einem Atlas herausgegeben. Nach seinem Tode erschien dieses Werk von Е. В. Bury, Professor an der Universität von Cambridge, einem gleichfalls berühmten Historiker, redigiert, in der 3. Auflage, wieder mit einem Atlas betitelt: „Atlas to the historical geography of Europe by Edw. A. Freeman. Third edition, edited by Е. В. Bury London 1903.” Er enthält eine große Anzahl gut gearbeiteter Karten, die das Studium der Geographie außerordentlich erleichtern. Diesem Atlas sind die Karten XXXIV, XXXV XXXVIII und XXXIX Südost-Europas entlehnt, die einen klaren Begriff von der Entwicklung Bulgariens während vier aufeinanderfolgender Epochen geben: Die Periode des Zaren Simeon (910), die Periode des Zaren Samuel (1000), das Ende der byzantinischen Herrschaft (1180) und nach dem Tod des Zaren Kalojan (1210).

 

Wenn man berücksichtigt daß das westbulgarische Reich Samuels ausgedehnter war und länger bestand als Serbien unter Duschan und daß Bulgarien unter den Herrschern Boris Simeon, Peter, Kalojan, Iwan Assen II. und anderen sich nicht bloß über das serbische Staatsgebiet zur Zeit Duschan's, sondern auch über den östlichen Teil der Balkanhalbinsel erstreckte, kann man sich leicht vorstellen, wie sehr die Serben die Geschehnisse ihrer bescheidenen mittelalterlichen Geschichte übertreiben.

 

Man muß im besonderen feststellen, daß selbst zur Zeit, als der bulgarische Staat — von der Adria bis zur Mündung der Donau — unter der Herrschaft von Byzanz stand (1018-1184), das Land den Namen Bulgarien führte, was auf der Karte XXXVIII klar ersichtlich ist.

 

Alle diese vier Karten sind hier in dem Maßstab der Vorlage in Facsimile-Druck reproduziert.

 

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( 2—5. — Historische englische Landkarten Bulgariens )

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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6. — Bulgarien zur Zeit des Asparuch und Terwel.

 

Die Karte zeigt Bulgarien im Anfange seines staatlichen Bestandes.

 

Der Begründer des ersten Bulgarenreiches war Asparuch, Isperich genannt (679—701). Er ließ sich mit seinen Scharen um das Jahr 660 in der Dobrudscha nieder, von wo aus er auch Südbessarabien beherrschte. Dieser Umstand gibt den Historikern Veranlassung, die Dobrudscha als die „Wiege des Bulgarenvolkes” zu betrachten. Dem Vertrage gemäß, den 679 Asparuch mit dem byzantinischen Kaiser Konstantin IV. Pogonatos abschloß, wurde den Bulgaren das Land zwischen der Donau und dem Balkangebirge bis zum Flusse Iskar im Westen überlassen. Später, nach der Niederlage der Avaren, lief die Grenze Bulgariens westlich bis zum Fluß Ogosta. Um jene Zeit hatte sich Bulgarien auch schon die Gebiete im Norden der Donau bis zu den großen wallachischen Gräben einverleibt, die vermutlich von den bulgarischen Beherrschern als natürlicher Grenzschutz angelegt worden sind. Diese Gräben zogen sich von der Donau an (einige Kilometer südlich von Braila in südwestlicher Richtung) bis zum Mittellauf des Flusses Jiul hin; von diesem Punkt ab stieg die Grenze den Fluß entlang hinunter, um sich über die Donau hinweg mit der Süd-Donau-Grenze zu vereinigen.

 

Während der Regierungszeit Terwel's (701—718), des Nachfolgers von Asparuch, wurde das nördliche Thrazien, gleichfalls nach dem Vertrag von 716, Bulgarien angegliedert. Dieses Gebiet erstreckte sich von dem Gebirge Sredna-Gora in südöstlicher Richtung und dann die alten bulgarischen Gräben entlang, die unter dem Namen Erkessija bekannt sind, nordöstlich bis zur alten Stadt Deweit, deren Ruinen sich unweit vom Dorf Jakisli (westlich von Burgas) befinden. Unter Terwel wurde ferner den Avaren das Land am mittleren und unteren Lauf des Flusses Timok entrissen, sodaß die westliche Grenze die Fortsetzung des Balkangebirges bildete und in der Nähe von Zaitschar über den Timok setzte; von dort an ging sie parallel mit dem Gebirge Zrna-Gora und dem Garwan-Berg in gerader Linie nordwärts zur Donau, um, deren Laufe folgend, sich südlich der Stadt Turnu-Severin mit den großen wallachischen Gräben zu verbinden und in dieser Richtung die alte Grenze zur Zeit Asparuch's nahe dem Flusse Jiul zu erreichen. So bildete die ganze südliche Hälfte der heutigen Wallachei unter Terwel einen Teil des bulgarischen Staates.

 

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( 6. — Bulgarien zur Zeit des Asparuch und Terwel )

 

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7. — Bulgarien zur Zeit des Krum und Omortag.

 

Nachdem König Krum (802-814) die Avaren besiegt hatte, die von den Franken um 805 in die Flucht geschlagen worden waren, fügte er Bulgarien das östlich vom Flusse Theiss gelegene Land (das jetzige Ostungarn und Siebenbürgen) an, so dass die Bulgaren unmittelbare Nachbarn der Franken und Mähren wurden. Während der Regieiungszeit Krums wurde Bulgarien ferner das Land südlich von der mittleren Donau, das Gebiet von Branitschewo und Belgrad, angegliedert. Und im Laufe der fortwährenden Kriege, die Krum gegen Byzanz führte, eroberte er die Stadt Serdika (das heutige Sofia) mit der ganzen Umgegend und verwüstete die Provinz Adrianopel sowie die Umgebung von Konstantinopel. Diese Kriege wurden mit dem Vertrag von 814/15 beendigt, der nach Krums Tod von seinem Sohne und Nachfolger Omortag (814—831) abgeschlossen wurde.

 

Durch diesen Vertrag wurde Bulgarien ein kleines Gebiet im Osten des Flusses Tundscha zugesprochen. Die Grenze senkte sich daher auf dieser Seite von der Mitte der Gräben von Erkissija zwischen den Flüssen Tundscha und Tschoban-Asmak zum Sakar-Gebirge herab, von wo aus sie westlich verlief und in südöstlicher Richtung im jetzigen Dorf Usundschowo endete; von dort zog sie sich den Abhang des Rhodope-Gebirges entlang zum Rilo-Gebirge, dann weiter, an den Städten Dubnitza und Radomir vorbei, zum Sucha-Gebirge und zur mittleren Morawa und von diesem Fluss wieder nordwestlich bis zum Fluss Kolubara. Später, aber noch während der Herrschaft des Königs Omortag, gelang es Bulgarien durch eine Vereinbarung mit den Franken, sein Gebiet durch die Landschaft zwischen dem unteren Lauf der Sava und der Donau, Srem genannt, zu erweitern und sich den Besitz der alten Stadt Singidunum, an der Mündui.g der Sava zu sichern, die damals den Namen Belgrad (die jetzige Hauptstadt Serbiens) zu führen begann.

 

Die Karte zeigt die Grenzen Bulgariens unter König Krum und unter König Omortag.

 

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( 7. — Bulgarien zur Zeit des Krum und Omortag )

 

 

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8. — Bulgarien zur Zeit des Pressiam und Boris.

 

Die rasche Vergrößerung des bulgarischen Reiches hat mit Pressiam (836—853) begonnen, der, die Kriege des byzantinischen Kaisers Theophiles mit den Arabern ausnutzend, sich fast ohne Kampf des ganzen Mazedonien von heute bis zum serbischen Gebiet am lbar-Flusse und bis Albanien bemächtigte. Die bulgarische Grenze umschloß im Süden die Regionen Kostur, Bitolia (Monastir), Moglen, Tikwesch und Strumitza bis zu den West-Rhodopen. Die Vereinigung all dieser Gebiete mit Bulgarien wurde von der byzantinischen Regierung amtlich erst unter dem Nachfolger des bulgarischen Herrschers Pressiam, Boris I. (853—888), im Vertrage von 864 anerkannt, der ein Jahr vor der Bekehrung der Bulgaren zum Christentum (865) zum Abschluß kam. Dieser Vertrag bestimmte genauer die Südgrenze Bulgariens, dem auch der Landsfrich längs des mittleren und oberen Laufes der Flüsse Struma und Mesta überlassen wurde.

 

Die Karte zeigt die Grenzen Bulgariens dem Vertrag von 864 gemäß.

 

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( 8. — Bulgarien zur Zeit des Pressiam und Boris )

 

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9. — Bulgarien zur Zeit des Simeon und Peter.

 

Bereits während der ersten Regierungsjahre des berühmten Bulgarenherrschers Simeon (893—927) wurden fast alle Besitzungen jenseits der Donau vom bulgarischen Reich getrennt. Die Magyaren, die vom byzantinischen Kaiser Leon VI., der Philosoph genannt, gegen Bulgarien zu Hilfe gerufen worden waren, hatten sie erobert. Es gelang den Magyaren, sich in dem Tal zwischen der Theiss und der Donau festzusetzen, während es den Petschenegen, die ihnen folgten, glückte, von der jetzigen Wallachei und von Bessarabien Besitz zu ergreifen. Infolge dieser grossen Gebietsverluste wandte Simeon seine volle Aufmerksamkeit dem Süden und Südwesten zu.

 

Nach dem bulgarisch-phigonischen Friedensschluss (896), demzufolge das byzantinische Reich sich verpflichtete, dem bulgarischen Herrscher Kriegssteuern zu zahlen ui J andere Völker nicht mehr gegen die Bulgaren zu Hilfe zu rufen, annektierte Simeon, die schwierige Lage des byzantinischen Kaisers sich zu Nutze machend, auf friedlichem Wege Südalbanien und einen Teil von Nord-Epirus; und nach dem Vertrag von 904 bekam Bulgarien einen Zugang zum Adriatischen Meer und gewann eine byzantinische kontrollfreie Seeverbindung mit den Staaten ausserhalb der Balkanhalbinsel. Während der unaufhörlichen Kriege (913—926) Simeon's gegen das Byzantinerreich konnte er den grössten Teil des byzantinischen Besitzes auf der Balkanhalbinsel erobern. Da jedoch sein Endziel die Eroberung von Konstantinopel war, lehnte er den Abschluss eines dauernden Friedens mit Byzanz ab. Deshalb konnten die gewonnenen Gebiete dem Lande nicht angegliedert werden. Dagegen benutzte Simeon inzwischen die Gelegenheit, um mit den Serben wegen ihrer treulosen Politik abzurechnen, und er unterwarf sie im Jahre 924.

 

Erst nach dem Tode Simeons (27. Mai 927) wurden die politischen und kirchlichen Grenzen endgültig in dem Vertrag festgesetzt, den sein Nachfolger Peter am 8. Oktober 927 mit Byzanz schloss.

 

Die Karte gibt die Grenzen Bulgariens im Sinne dieses Vertrages an und der nordwestliche, weiss schraffierte Teil zeigt das unterworfene Serbien.

 

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( 9. — Bulgarien zur Zeit des Simeon und Peter )

 

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